Georges Aperghis, Gespräch mit Frank Madlener
Auszüge.
Der gesamte Text (in französischer Sprache)
Übersetzung: Michael Frohnmeyer
 

Am Anfang, der Text. Die Tragödie: Shakespeare, Müller

George Aperghis. - Zwei Jahre schon beherrscht mich der Text Heiner Müllers, denke ich daran. Ich hatte als Projekt eine Art Messe für das Ende des Jahrhunderts zu schreiben. Ich hatte mir für eine Collage mehrere Sätze und verschiedene Texte vorgestellt, wie die von Antonin Artaud, von Lovecraft... So bin ich bei Hamletmaschine stehengeblieben, mit der Absicht einen Ausschnitt zu verwenden. Jedoch alles, was ich erzählen wollte befand sich dort! Ich hörte nicht auf sie zu lesen und mir Notizen zu machen. Dann habe ich das Ganze gelassen. Ich habe lange über die Unmittelbarkeit des Textes nachgedacht, um den Eindruck nicht gekünstelt, abgeschwächt werden zu lassen. Ihm seine ganze Kraft lassen und ihm Kraft geben!

Frank Madlener. - Es ist nicht ein Text für das Theater im eigentlichen Sinne, sondern eher ein tragisches Gedicht?

G.A. - Ich habe den Eindruck, daß es ein großes dramatisches Gedicht ist, das man auf abstrakte Weise darstellen könnte. Es hat eine Abstraktionskraft und zur gleichen Zeit erzählt es reelle Dinge. Jourdheuil, der Übersetzter hat mir viel geholfen, alles zu verstehen. Denn jeder Satz des Textes ist codiert, gefüllt mit Anspielungen auf Shakespeare und Artaud.

F.M. - Selbst Elektra erscheint ganz am Ende!

G.A. - Shakespeare hat sich von der antiken Tragödie inspirieren lassen. Tatsächlich sind beide, Orest und Elektra, Hamlet. In Hamlet sind es der Onkel und die Mutter, die den König umbringen. Der Sohn Hamlet ist hier an der Stelle der Kinder von Agamemnon, die den Mord an ihren Vater rächen, der durch Klytemnestra und ihren Liebhaber Ägyst umgebracht wurde. Ausser daß es Hamlet nicht schafft, sich zu rächen. Er kannt nicht zur Tat schreiten, er bleibt in einer andauernden Unentschlossenheit. «Sein oder nicht sein», handeln oder nicht handeln, zur Tat schreiten, oder nicht zur Tat schreiten...dies sind die grundlegenden Fragen Hamlets. Es ist, als ob die Tat im Wiederspruch zum Denken stünde. Bei Müller wird Hamlet zu einer Maschine: «mein Gehirn ist eine Narbe.» Das kommt direkt von Artaud!

F.M. - So wie der Körper ohne Organe von dem Text «Pour en finir avec le jugement de dieu» inspiriert ist.

G.A. - Absolut. «Ich kann nicht mehr denken» : «meine Gedanken sind Wunden in meinem Gehirn. ...Arme zu greifen Beine zu gehen». Die Maschine Hamlet setzt sich so in Gang...Was Ophelia betrifft, so spricht sie am Ende den Tod aus: «.... Wenn [der Tod] mit Fleichmessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.» Da die Rache nicht dort wirksam wird, wo sie es sollte, tja, dann beschließen wir den Tod. Dies evoziert unfehlbar die Baader-Meinhoff-Bande, die Müller so sehr beunruhigte. Hier ist Ophelia nicht imstande zu schaden, weil sie in Todesbanden liegt, in einem gesteppten Gefängnis oder einer psychatrischen Anstalt im Osten Eurpas.

 

Der Künstler: ein Intellektueller in der Menge und jenseits des Kampfgeschehens stehend. Ende der Utopie.

F.M. - Der erste Eindruck, den Hamletmaschine hervorruft ist die erdrückende Gegenwart des Chores. Die Figuren sind nur Ausdünstungen dieser Menge, Hallizunationen des Chores, in direkter Verbindung zu diesem stehend wie in der antiken Tragödie.

G. A. - Diese Idee kommt vom Text. Wenn man ihn liest, hat man nicht den Eindruck, es gebe einen Chor. Müller jedoch schreibt einige Passagen in großen Buchstaben. Ich habe die Frage dieser geänderten Rechtschreibung an Jourdeuil gestellt. Er hat mir geantwortet, Müller dachte, daß jede Figur aus mehreren anderen bestünde, daß es mehrere Hamlets gäbe, mehrere Ophelias und daß die Passagen mit großer Rechtschreibung Worte eines Chores sein könnten. Ich habe unmittelbar an den antiken Chor gedacht, der das Geschehen kommentiert und Schlüsse zieht. Andererseits hatte ich Bachs Passionen im Kopf. Ich habe Hamletmaschine so konzipiert, als wäre es eine Passion.

F.M. - Wäre der Tod der Utopie in Europa diese Passion? Der Tod jeglicher Möglichkeit einer menschlichen Gemeinschaft?

G.A. - Die Passion von all diesem. Es ist ein politischer, psychoanalytischer, existentieller Text. Man hätte Schwierigkeiten den Sinn der dreizehn Seiten, die enigmatisch bleiben, in jeder Hinsicht zu erfassen. Jedesmal wenn man ihn liest, endeckt man einen neuen Aspekt.

F.M. - Zur gleichen Zeit durchqueren gewaltige Zeichen -Eigennamen- die Ruinen Europas. Die Geister von Marx, Lenin, Mao. Mit der Erscheinung dieser Geister stößt uns die Geschichte vor den Kopf!

G.A. - Aber diese Figuren bleiben nicht innerhalb einer gegebenen historischen Situation. Sie werden universell. So beschreibt Müller einen Aufstand, der den nationalen Trauerfeierlichkeiten folgt! Man demontiert ein Monument und es erhebt sich die arme Bevölkerung, die in dem gefallenen Monument lebt. Es sind Archetypen. Es gibt keine Anekdote. Der Aufstand ist ein wahrer Alptraum. Für diese Meuterei habe ich nicht die Blechinstrumente, Kraft, benutzt, sondern im Gegenteil, wie bei einer Hallizunation mit der inneren, gedämpften Zurückhaltung gearbeitet. Jemand hat einen Albtraum. Aber zur gleichen Zeit injiziert Müller einen sozialen Gedanken, ein politisches Engagement, das eine Wirklichkeit ist. Während sie die Nachrichten im Radio hören, haben sie den Eindruck, daß diese genau dem Text des Schriftstellers folgen. Er ist also dazu gelangt, die Wirklichkeit symbolisch werden zu lassen und zu kondensieren.

F.M. - Jeder Gedanke von Aufstand fällt in sich zusammen. Es ist die tragische Wiederkehr des Gleichen: die Revolution, die Schaffung von Neuem ist völlig unmöglich. Die Obsession der Geburt beherrscht den Text. Die Monstruosität ist hervorgebracht worden, Hamlet will jedoch jedwede Zeugung heute bestreiten.

G.A. - Das ist, was am Ende von Ophelia gesagt wird. Die Milch wird zu Gift, die Sprößlinge kehren dahin zurück, wo sie herausgekommen sind. In der Tat, einen Umsturz zu bewirken erweist sich als unmöglich. Man erhängt einige Repräsentanten der Macht. Und da ist es interessant, was die Figur Hamlet sagt: «Mein Platz, wenn mein Drama noch stattfinden würde, wäre auf beiden Seiten der Front, zwischen den Fronten, darüber.» Das ist genau der Platz der Intellektuellen, die dazu verdammt sind. Partei zu nehmen und über dem Geschehen zu stehen.

F.M. - Oder gar der des Künstlers?

G.A.- Hamlet blickt « durch die Flügeltür aus Panzerglas auf die angedrängte Menge » und zur gleichen Zeit steht er « im Schweißgeruch der Menge und [wirft] Steine auf die Polizisten Soldaten Panzer... » « Ich bin mein Gefangener [...] Blutend in der Menge. Aufatmend hinter der Flügeltür. Wortschleim absondernd in meiner schalldichten Sprechblase über der Schlacht. Mein Drama hat nicht stattgefunden. » Das ist wesentlich: hier ist es der Schriftsteller, der das Wort ergreift.

Die Schaffung des Oratorios auf einem Ruinenfeld

F.M. - An einer anderen Stelle in der Partitur verteilen sie die Silben des Textes auf zwei Solisten. Es ist unmöglich an eine eindeutige Figur zu glauben. Ohne Unterbrechung kippt unter dem Gejohle der Menschenmenge eine Figur in eine andere und dieses gebiert die große musikalische Form. Hatten sie sofort die Idee einer kontinuierlichen Form gehabt, mit wiederkehrenden Motiven, wie den Melismen der Bratschen, das Skandieren der Szenen, den Blöcken der Menge?

G.A. - Dieses hat mich viel Zeit gekostet. Zunächst hat der Text mich beinahe krank gemacht. Er enthält eine solche Gewalt, auch einen solchen Zynismus, das ist seine ganze Hellsichtigkeit. Ich habe lange gebraucht um diese Form zu finden. Die Bratschenpartie von Geneviève Strosser/ Ophelia ist zentral. Sie blättert im Familienalbum. In Szene 1 wird sie lesen: «Ich war Hamlet.» Von dem Geflüstere des Chores ab erscheint Hamlet. Anschliessend, mit der Stimme der Sängerin erscheint die Mutter, sie auch aus der Musik hervorkommend. Danach Ophelia. Genau da hat sich die Mutter in Ophelia verwandelt. Ein unaufhörliches Gebären: dies ist es, was ich in meiner musikalischen Form verwirklichen wollte.

F.M.- Die Wirkung des Eingeschlossenseins ist durch die starke Einbeziehung der oberen Register sehr eindrucksvoll. Die sehr mächtige Schreibweise der Chöre ist selten bei ihnen!

G.A.- Ich habe noch nie zuvor für einen Chor auf diese Weise, d.h. so vehement geschrieben. Vor allen Dingen im zweiten Teil. Aber es war erneut der Text, der dieses verlangte. Ich wollte unbedingt, daß der Chor in Deutsch singt, wegen der Farbe, der Schlagkraft. Und schließlich sind wir mit Heiner Müller zusammen mitten in Berlin! Die Solisten spielen auf Französisch. Was sie betrifft, so habe ich speziell an einzelne Musiker gedacht. Ich habe oft mit letzteren gearbeitet, besonders mit Jean-Pierre Drouet. Ich finde es gut, daß man von Europa in diesen verschiedenen Sprachen spricht!

F,M. - Die Instrumentierung ist sehr frappierend. Unter anderem der Synthesizer mit ekelhaften Klangfarben einer Orgel, der eine verlorene Zeit, eine in die Jahre gekommene Geschichte zu besingen scheint.

G.A. Er hat in der Tat eine eckelerregende Klangfarbe. Ich dachte anfangs an eine Hammond - Orgel. Sollte ich eine Affinität zur Orgel haben? Ich erinnere mich an eine Reise nach Moskau, zur Zeit Gorbatchevs, wo ich Teil einer offiziellen Delegation war. Man hatte uns in eine Art offizielle Bar eingeladen, in der ein kleines sovietisches Orchester mit einer armen Orgel spielte. Es ist, als wäre man von entzauberten Ruinen umgeben. Andererseits ist die Celesta die Spieluhr. All das klingt so alt, es ist alles so alt und doch sehr aktuell. Eigenltlich ist unsere Aktualität alt.

Die Macht des Komponisten heute in der Gesellschaft.

F.M. -Die Hamletmaschine setzt die Gewalt und den Einsturz des gesamten menschlichen Kollektivs in Szene. Keine Niederkunft mehr, keine Utopie, kein geschütztes Individuum, kein Künstler mehr, der völlig im Kampfgeschehen oder außerhalb des Kampfgeschehens sein könnte. Inerhalb des geschaffenen Verhältnises zwischen Komponisten und einem Kollektiv, zwischen einem Künstler und der öffentlichen Macht, kehrt häufig folgender Vorwurf wieder: «Was ist eure Funktion heutzutage in der Gesellschaft?» Dieser Vorwand, der oft direkt an die Musik gerichtet ist, zielt implizit auf die ganze Idee der Modernität. Dieses Urteil ist seltener gegenüber dem Theater zu hören, das eine klarere pädagogische Aufgabe zu erfüllen scheint!

G.A. - Aber die Macht, von der die Rede ist, hilft nicht der Funktion der Modernität. Sie hat ihr nie geholfen: sie hat sie toleriert, oder höchstens eingeholt. Der Tag, an dem man 99% zeitgenössische Musik und 1% Musik der überbrachten Musik hören wird, an dem Tag wird unsere Funktion eine Evidenz sein. So wie es der Fall vor dem 19.Jahrhundert gewesen ist. Die Programme der Opern und Orchester sind absurd. Die Macht will durch ein solch reaktionäres Verhalten behaupten: die Musik ist schon geschrieben worden, sie ist stehengeblieben. Wir haben schon genügend Musik; was heute entsteht ist Herumgebastle. Es ist der Geist des Spiess-Bürgers, der sich bis ins Extrem mit der totalen Ignoranz verschworen hat. Außerdem gibt es eine totale Verachtung des Publikums in bezug auf das, was es hören kann und was nicht. Wir leben zu einem Zeitpunkt der andauert und sich verschlimmert, an dem der Zugang zu dem, was man Kultur, Intelligenz nennt, sehr schwierig wird. Die Menschen haben immer mehr Schwierigkeiten der Intelligenz eines Kunstwekes entgegenzutreten.. Es bedarf der Zeit um in ein Gemälde einzudringen. Die Musik verlangt Zeit. Aber einen Roman von Dostejewski zu lesen ebenfalls. Unsere Rolle ist altmodisch. Wir sind nicht auf der Höhe der Zeit. Aber die Musik ist nicht isolierter als eine andere Kunst, nicht mehr als die Poesie jedenfalls. Sie hat nicht Wirkraft des Theaters, das mehr die Bedeutung behandelt. Dennoch habe ich nicht den Eindruck, einem heiligen Amt bei der Musik gefolgt zu sein. Von Natur aus neige ich zum Dialog. Ich bin der Überzeugung, daß der Künstler privilegiert ist: er kann genügend gegenwärtig sein, um den Leuten etwas zu zeigen. Um gemeinsam darüber nachzudenken, auf einer imaginären oder sozialen Ebene. Er schafft ein Kommen und Gehen. Dort ist seine herrausragende Rolle. Natürlich ist das im gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang nur ein kleiner Tropfen. Das ist aber nicht schlimm. Das Entscheidende ist das Kommen und Gehen zwischen dem Künstler und dem, der das Werk empfängt.

24 November 2000